Wahl zum AGB-Präsidenten

Am 18. Mai wählte mich die Jahres-Delegiertenversammlung des Aargauischen Gewerkschaftsbundes AGB zum neuen Präsidenten. In meiner Antrittsrede formulierte ich die besonderen Herausforderungen, der sich die Gewerkschaftsbewegung stellen muss.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, geschätzte Gäste

Ein Freund von mir arbeitet bei einer internationalen Modekette als Verkäufer. Er hat erst gestern erfahren, ob er nächsten Samstag arbeiten muss. Und zwar bis 21.30 Uhr. Das ist jede Woche so – unsere Freundschaft wird auf die Probe gestellt.

Mein Freund ist Chemielaborant. Er will sich an einer Fachhochschule weiterbilden. Er kriegt dafür keine Stipendien und muss jetzt Verdienst und Vollzeitstudium irgendwie nebeneinander organisieren - denn es gibt zwar ein Teilzeitstudium, doch empfohlen wird das nicht.

Eine Freundin ist gelernte Coiffeuse. Sie hat ihre Stelle gekündigt. Sie arbeitete in einem modernen Salon in der Stadt Zürich und verdiente 3'800 Franken. Brutto. Mit 20 hatte sie schon Krampfadern von der Arbeitsbelastung. Sie arbeitet jetzt im Detailhandel. Dort hat sie einen besseren Gesundheitsschutz. Und hunderte Franken mehr Lohn.

Wir Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter haben eine riesige Verantwortung: Wir müssen solche Missstände in allen Branchen, in allen Berufen, in allen Lebenssituationen aufdecken. Wir müssen dafür sorgen, dass solche Missstände nicht als unvermeidbare Selbstverständlichkeit hingenommen, sondern als unverschämte Frechheit bekämpft werden.

Solches zu sehen dass ist unsere Aufgabe in der Gewerkschaftsbewegung. Und ihr habt mir und dem Kantonalvorstand die Verantwortung gegeben, daraus eine geeinte, mutige aber vor allem laute Stimme zu formen.

Seit es Gewerkschaften gibt, ging es stets um den gleichen Kampf: Die Besitzenden, die Kapitalisten, wollten ihre Verantwortung trennen von ihrem Eigentum.

  • Sie wollten mit den Fabriken Geld verdienen und die Kinder ihrer Arbeiterinnen versklaven, statt ihnen die Schule zu zahlen. Wir haben die Volksschule erkämpft.
  • Sie wollten Patrons sein und dabei ihre Angestellten an den Folgen von Asbest verrecken lassen. Wir haben sie zur Verantwortung gezogen und den Gesundheitsschutz verstärkt.
  • Sie wollen uns die Löhne in Euro bezahlen und sich selbst weiterhin den Tresor mit hinterzogenen Schweizerfranken füllen. Sie holen Bauarbeiter und Pflegehelferinnen aus Süd- und Osteuropa, zahlen ihnen miese Löhne, um Kasse zu machen. Damit schaden sie den Menschen aus Polen, aus Ungarn, aus Portugal und aus der Schweiz gleichermassen. Wir setzen durch: Schweizer Löhne im Schweizerfranken für Arbeit in der Schweiz.
  • Sie wollen Spitäler und Altersheime privatisieren, um auf dem Buckel unserer Gesundheit, aber vor allem auch dem Spitalpersonal, Gewinne zu machen. Wir sorgen dafür, dass unsere Gesundheit kein Geschäft wird.
  • Und sie wollen den Steuerfuss um 5% erhöhen, unser Einkommen noch stärker besteuern statt die unsäglichen Gewinnsteuer-Sekungen der Unternehmen endlich rückgängig zu machen. Wir kämpfen dafür, dass nicht die Arbeit, sondern das Kapital stärker besteuert wird.

Damit setzen wir unsere Tradition fort: Die Gewerkschaften haben stets aus ihrem Eigentum eine gesellschaftliche Verantwortung gemacht. Denn Eigentum bedeutet in unserer Gesellschaft viel undemokratische Macht. Weil Kapitalismus eben heisst, dass das Kapital regiert. Die Gewerkschaften kämpfen gegen den Missbrauch dieser Herrschaft des Geldes mit dem stärksten Gegenkonzept, seit es Menschen gibt: Demokratie.

Und so müssen wir sozialistischen und sozialdemokratischen und anarcho-syndikalistischen und grünen Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter uns heute wieder entlang der Eigentumsverhältnisse formieren. Keine leichte Aufgabe: Die Globalisierung trennte Eigentum und Verantwortung kompliziert über die ganze Welt. Die Digitalisierung trennt nun auch die Dienstleistungen von den Eigentumsverhältnissen.

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Wir werden darauf reagieren wie immer: Wir werden die Chancen, die die Zukunft bringt, erkennen und mit aller Kraft dafür kämpfen, dass sie unserer Lebensqualität zugute kommen – nicht dem Bankkonto der Herrschenden.

Wir müssen das gut machen und schnell: Das Leben ist viel zu kurz und die Würde jedes Menschen viel zu wertvoll, um auch nur einen Tag zu verlieren. Wir müssen den Alltag sofort besser machen.

Dafür stehe ich hin mit meiner Arbeit als euer neuer Präsident. Drei Aspekte stehen dabei im Zentrum meiner Aufmerksamkeit: Bildung, Bewegung, Organisation. Am 1. Mai ist ein Text von Antonio Gramsci 98 Jahre alt geworden mit folgendem Schluss:

„Bildet euch, denn wir brauchen all eure Klugheit. Bewegt euch, denn wir brauchen eure ganze Begeisterung. Organisiert euch, denn wir brauchen eure ganze Kraft.“

Dafür trete ich an: Eine Gewerkschaftsbewegung mit Klugheit, Begeisterung und Kraft. Um einen Unterschied zu machen. Für einen Alltag, der mehr Zeit lässt für das Leben. Und eine Zukunft, die Würde und Menschlichkeit für alle nicht nur verspricht, sondern auch einhält.