«Arbeit immer billiger – das dürfen wir nicht zulassen»

Interview im Badener Tagblatt

Herr Vock, was ist die grösste Gewerkschafts-Herausforderung?

Überall werden die Menschen heute extrem unter Druck gesetzt, sei es bei der Post, im Spital oder beim Verkauf. Für dasselbe oder womöglich gar weniger Geld sollen sie immer mehr leisten. Die Arbeit soll immer billiger werden. Das dürfen wir nicht zulassen.

Das tönt alles eher bewahrend.

Sozialstaatliche und arbeitsrechtliche Errungenschaften zu verteidigen, ist eine grosse Herausforderung. Das zeigt das Ringen um die Altersreform. Gleichzeitig müssen wir uns auch mit der Arbeit, die ständig im Wandel ist, intensiv befassen. Ich bin überzeugt, dass es unter anderem eine Arbeitszeitverkürzung braucht.

Um wie viele Stunden, und wer soll das bezahlen?

Es ist möglich, die Arbeitszeit – zu den gleichen Arbeits- und Lohnbedingungen natürlich – stufenweise zu senken. Heute kassieren Besitzer und Aktio-näre Unsummen dank Effizienzsteigerung der Arbeitenden. Dieses Geld soll man für Arbeitszeitverkürzungen, Lohnerhöhungen und bessere Pensionen einsetzen. Jede Stunde weniger pro Woche ist sinnvoll. Wir müssen unter 8 Stunden pro Tag kommen.

Wir erlebten bei der Unia eben ein Drama mit Verhaltensweisen, die Sie anderswo heftig kritisieren. Wie sehr schadet Ihnen dies?

Was da passierte, schadet uns. Wichtig ist, dass Roman Burger entlassen worden ist. Solches Verhalten darf man nirgendwo tolerieren. Gewerkschafter müssen an sich selbst die höchsten Ansprüche stellen.

Sie werden in Kürze neuer Gewerkschaftsbund-Präsident, wurden als SP-Grossrat aber abgewählt. Haben Sie nicht überlegt, zu verzichten?

Ein Sitz im Grossen Rat ist nicht der wichtigste Teil bei der Arbeit eines Gewerkschaftspräsidenten. Unsere Anliegen sind dort durch mehrere Grossräte von SP und Grünen hervorragend vertreten. Ich bin zudem in vielen weiteren Gremien vernetzt und besonders mit jenen im Austausch, die bei uns zählen: Lernende, Postangestellte, Gipser oder Coiffeusen.

Wie hoch ist Ihr AGB-Pensum?

Es ist ein 20-Prozent-Pensum, ich arbeite aber etwa 40 Prozent.

Die Hälfte gratis, schreit der Gewerkschafter in Ihnen nicht auf?

Nein, das ist kein Widerspruch. Ich werde korrekt bezahlt, die anderen 20 Prozent sind ein freiwilliges Engagement von mir in der Freizeit.

Florian Vock (26), designierter Präsident des Aargauischen Gewerkschaftsbundes, studiert Soziologie, ist an der Masterarbeit, arbeitet als stv. Betriebsleiter in einem Kulturhaus. 2015 war er Kampagnenleiter der Regierungsratskandidatur von Jacqueline Fehr.