Rede zum 1. Mai

“Ich weiss, was ich tue. Ich bin jetzt 51 Jahre alt und habe Weib und Kind. Zerstört und verbrannt muss die Fabrik sein.“ So ein Ustermer Tüchler.

In Oberuster wurde am 22. November 1832 die Mechanische Spinnerei und Weberei Corrodi & Pfister von Tüchlern und Heimarbeitern zerstört. Sie waren wütend. Das Zürcher Oberland wurde durch den technischen Strukturwandel regelrecht umgepflügt. Die Industrialisierung überschwemmte die Schweiz mit billigerem und qualitativerem Baumwollgarn, die Handspinnerei war angesichts dieser Konkurrenz chancenlos. Innerhalb weniger Jahre verschwand der Beruf. Alleine im Kanton Zürich verloren nicht weniger als 35’000 Personen ihre Beschäftigung: ein Fünftel der Bevölkerung war innert kürzester Zeit ohne Job.

Heute stehen wir zweifellos an einem ähnlichen Punkt. Es heisst Digitalisierung oder Industrie 4.0. Es geht um Pflegeroboter, Datenclouds oder Bestell-Apps. Nicht weniger als die Digitalisierung aller Bereiches der Wirtschaft und Gesellschaft.

Das Internet der Dinge vermisst und vernetzt die ganze Welt. In einer Weise, wie wir uns das vor zehn Jahren nicht vorstellen konnten. Diese Vermessung Vernetzung verbindet Regionen, Märkte, Unternehmen und Menschen völlig neu: Wenn in der App von Coop viele Erdbeerrezepte gesucht werden, hat das Folgen für die ganze Produktionskette von Erdbeeren. Die Art und Weise der Wertschöpfung ändert sich.

Digitale Plattformen werden zu Drehscheiben der Wirtschaft. Wirtschaft und Arbeitswelt erhalten ein neues Betriebssystem.

Betroffen davon ist nicht nur die Industrie oder die Landwirtschaft. Bessere Baumaschinen, effizientere Logistiksysteme oder schlaue Geräte. Betroffen ist besonders der Dienstleistungsbereich. Derjenige Dienstleistungssektor, wo mehr als die Hälfte aller Menschen in der Schweiz arbeiten: Im Service, im Spital oder bei der Post.

„Momentum Machines“ aus den USA hat zum Beispiel einen Roboter entwickelt, der 360 Burger pro Stunde zubereitet. Wir müssen keine Experten sein, um zu sehen: Die Jobs in den Küchen von BurgerKing und McDonald’s werden verschwinden. Damit verschwinden Stellen für niedrigqualifizierte Migrant_innen und Teilzeitstellen für ältere Frauen.

Doch es wäre falsch, zu glauben, die Digitalisierung betrifft nur niedrigqualifizierte Dienstleistende.

In einem deutschen Finanzinstitut waren 112 Mitarbeitende für die Pflege und den Betrieb einer Banking-Applikation beschäftigt. Zur Optimierung der Arbeitsprozesse entschloss sich das Unternehmen, die Anwendung automatisiert zu betreiben. Mit einem neuen Automationssystem benötigte man noch acht Mitarbeitende zum Betrieb der App. Von 112 auf acht.

Der Kaufmännische Verband rechnet damit, dass bis zu 100’000 Jobs verschwinden: in der IT, der Buchhaltung, in Call-Centers oder der Personaladministration.

Sollen wir jetzt in den Coop gehen und die Self-Scanning-Kassen zertrümmern? So wie die Ustemer Maschinenstürmer?

Bürgerliche und konservative Historiker haben die Ustemer Maschinenstürmer als „Feinde der modernen Technik“ bezeichnet. Arbeiter, die einfach ihr altes Leben bewahren wollten.

Waren die Maschinenstürmer, unsere Kolleginnen und Kollegen vor über hundertfünfzig Jahren, Bewahrer? Nein. Sie zerstörten die Maschinen nicht, weil sie gegen den Fortschritt waren. Sondern weil sie sich wehrten gegen niedrige Löhne und miese Arbeitsbedingungen, die durch den Wandel drohten.

Sie forderten, was die Gewerkschaftsbewegung erst später formulierte: Gute Arbeit. Gute Arbeit bedeutet: faires Einkommen, berufliche und soziale Sicherheit, Arbeits- und Gesundheitsschutz. Es heisst aber auch ein wertschätzender Umgang am Arbeitsplatz, transparente Informationspolitik, ausgewogene Arbeitszeiten und regelmässige Weiterbildungen. Alles, wofür wir an diesem 1. Mai seit über hundert Jahren in der Schweiz und auf der ganzen Welt zusammenkommen.

Der Maschinensturm von Uster war kein Zeichen der Schwäche. Es war die entscheidendste Erfahrung jeder Gewerkschafterin, jedes Gewerkschafters: gemeinschaftliches Handeln heisst, stark zu sein.

Nur, wie machen wir das in einer digitalisierten Gesellschaft? Ist es überhaupt nötig, aktiv zu werden?

  • Digitalisierung bedeutet für mehr als Hälfte der Beschäftigten eine höhere Arbeitsleistung.
  • Digitalisierung bedeutet für rund einen Drittel körperliche Entlastung und mehr Entscheidungsmöglichkeiten; insbesondere für Niedrigqualifizierte.
  • Für zwei Drittel der Beschäftigten bedeutet Digitalisierung aber Arbeitsverdichtung und Multitasking, einer allgemeinen Zunahme von Arbeitsstress durch neue, digitale Arbeitsmittel.

Die Digitalisierung ermöglicht neue Chancen, die Arbeitszeit selbstbestimmter zu gestalten, den Druck zu reduzieren und damit die Souveränität der Beschäftigten zu verbessern. Digitale Arbeitsmittel wie Laptops oder Smartphones erlauben das Arbeiten von unterwegs und zu Hause. Dabei können sich Freiräume ergeben. Gleichzeitig verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben weiter. Für viele Beschäftigte ist das flexible Arbeiten ein Ausdruckvon Lebens- und Arbeitsqualität. Nicht alle empfinden eine ungewöhnliche Arbeitszeit als Belastung.

Aber: Gleichzeitig besteht das Risiko der weiteren Entgrenzung. Digitale Arbeitsmittel erlauben die ständige Erreichbarkeit und können somit auch die Erwartungen der permanenten Verfügbarkeit erhöhen.

Wir könnten also bewahrend darauf reagieren. Wir könnten einfach dagegen sein. Wir könnten die Self-Scanning-Kasse am Coop zerschlagen und die Tablets aus dem Fenster werfen. Wir könnten prinzipiell gegen andere Arbeitszeitmodelle sein. Doch wir sind keine Bewahrer. Wir sind jene, die offen durch die Welt gehen.

Und wir werden dabei, wie so oft, nicht auf das Gewerbe zählen können. Das Aargauer Gewerbe hat sich sogar gegen die Energiestrategie 2050 entschieden. Weil sie Angst haben vor Veränderung und weil ihnen den Mut fehlt. Die Folge wird sein, dass sie nicht nur die Veränderungen der Energieproduktion verpassen, sondern auch die Revolution der Digitalisierung.

Bei diesem Entscheid des Aargauer Gewerbeverbandes musste ich an ein Sätzchen von Kaiser Wilhelm II. denken. 1904 sagte er: „Ich setze auf das Pferd – das Auto ist nur eine vorübergehende Erscheinung.“

Zum Glück sind wir Gewerkschafter_innen anders als die kleinen Kaiser des Aargauer Gewerbes. Während die Bürgerlichen nicht einmal eine Energiewende hinkriegen, sind wir bereit. Wir sind offen für die Umwälzungen der Arbeitswelt durch die Digitalisierung. Wir gehen offen durch die Welt, aber auch sehenden Auges. Wir werden die Digitalisierung so gestalten, dass grössere Spielräume und Freiheiten für uns entstehen. Dass die gesundheitlichen Risiken bei der Arbeit sinken. Dass die Arbeitszeiten besser zu unserem Alltag passen: Bei Eltern zu den Zeiten der externen Betreuung und bei Jungen ist der Beginn vielleicht besser nicht vor 9 Uhr.

Menschen sind verschieden. Diesen Bedürfnissen müssen wir Rechnung tragen. Wir müssen formulieren, was es heisst, die Möglichkeiten der Digitalisierung zu nutzen, sich anbahnende Risiken zu minimieren und auch Probleme zu lösen, die sich seit langem verfestigt haben.

Entscheidend ist es, die Flexibilität, die Möglichkeiten, die Chancen, die sich bieten, zu packen: Für uns, für unser gutes Leben, und nicht für einen weiteren Profit der Eigentümer. Das ist die Aufgabe der Gewerkschaften.

Bei Amazon könnt ihr eine Waschmaschine kaufen, die das Waschmittel selbst nachbestellt, wenn es ausgeht.

Die Digitalisierung hat ein grosses Potenzial, uns von belastenden Tätigkeiten, ob körperlich oder psychisch, zu entlasten. Gleichzeitig ist völlig klar, dass nicht jede Automatisierung betriebswirtschaftlich Sinn macht. Und nicht jede Digitalisierung wollen wir.

Wollen wir Pflege-Roboter? Wollen wir die neuste Generation von Atomkraftwerken? Wollen wir automatisierte Call-Centers? Wollen wir den Abbau von bedienten Poststellen zugunsten einer App?

Nicht der technische Fortschritt selbst ist böse. Aber wir schauen genau hin, wo Digitalisierungen in den gesellschaftlichen Produktionsprozess implementiert werden.

Will ich, dass meine Waschmaschine das Mittel bestellt? Ja, bitte! Für mich persönlich wäre das eine Steigerung der Lebensqualität. Technik nimmt mir Arbeit ab. Aber ich will dabei auch, was schon die Ustemer Maschienstürmer verlangten. Die Logistikerin, der App-Entwickler und die Installateurin der Waschmaschine haben bei ihrer Arbeit gute Bedingungen.

Der Maschinensturm in Uster blieb auf den ersten Blick folgenlos. Doch während zu Beginn der Industrialisierung noch die Leute ihrem Schicksal überlassen wurde, schufen wir Gewerkschafter_innen einen anderen Staat: Der Bund verankerte und finanzierte die Berufsbildung. Die Eisenbahnen wurden verstaatlicht, nachdem es wiederholt zu Konkursen gekommen war. Arbeitslosen-, Kranken- und Pensionskassen wurden geschaffen.

Am Vorabend des Ersten Weltkriegs war in der Schweiz ein Sozialstaat erkennbar. Die Forderungen der verzweifelten Ustermer Maschinenstürmer wurden erfüllt. Denn mit der Maschine entstand auch die organisierte Arbeiterbewegung. Die Arbeiterbewegung war die Reaktion auf die Herausforderung des technischen Wandels. Und was für eine Reaktion! Die Eigentümer des Kapitals, das Bürgertum, wurden die nächsten hundert Jahre zur Verantwortung gezogen!

Die Besitzenden wollten ihre Verantwortung für die Arbeitsbedingung trennen von ihrem Eigentum. Die Gewerkschaften zwangen sie zur Verantwortung. Wir haben aus ihrem Eigentum eine Verpflichtung gemacht. Und so müssen wir uns heute wieder entlang der Eigentumsverhältnisse formieren.

Die Globalisierung trennte Eigentum und Verantwortung noch viel abstrakter. Internationale Hedgefonds verwalten das Geld von Konglomeraten. Sie sind die Eigentümer unserer Arbeitgeber. So ist es gekommen, dass sogar der Chef der Credit-Suisse mit seinem widerlich hohen Millionensalär faktisch ein Arbeiter ist; ein Angestellter.

Unsere Aufgabe war und ist es schon immer, die Eigentümer, die Kapitalisten, zur Verantwortung zu motivieren, zu bringen, kollektiv zu zwingen. Denn Eigentum bedeutet in unserer Gesellschaft viel undemokratische Macht. Die Gewerkschaften kämpfen gegen den Missbrauch dieser Macht. Diesen Kampf führen wir nun weiter – mit einer offenen Haltung, aber sehenden Auges.

Damit wir eine etwas nachhaltigere Lösung finden, als mit dem Vorschlaghammer die Self-Scanning-Kassen zu zertrümmern. Die Zeit dazu haben wir ja, weil unsere Waschmaschine ihr Mittel selbst bestellt.