Auf einen Ablenkungs-Milchkaffee mit Florian Vock

Artikel von Seraina Manser in 'The Hello Switzerland Issue' (VICE-Magazin Juli 2017)

"Ich bin froh um jede Ablenkung – lass uns in der Unibibliothek Basel treffen", schlägt Florian Vock am Telefon vor. Der 27-Jährige wirft, nachdem ich ihn ein paar Minuten gegoogelt habe, zwei Fragen auf: "Wie macht er das nur?" und "Schläft der nie?". Die Übersicht über seine Tätigkeiten zu behalten ist kein Leichtes: Er ist Präsident der Sozialdemokratischen Partei (SP) des Bezirk Baden, hat die "Milchjugend" (eine LGBT-Jugendorganisation) mitgegründet, ist Vize-Präsident der Fachstelle für Sexuelle Gesundheit im Kanton Aargau, seit kurzem Präsident des aargauischen Gewerkschaftsbundes, Stellvertretender Betriebsleiter im Kulturhaus Odeon in Baden – und als wäre das noch nicht genug, schreibt er parallel noch an seiner Masterarbeit. Ich stelle mich auf ein gestresstes Nervenbündel ein, das ständig auf die Uhr guckt und angespannt Fingernägel kaut. Doch Florian sitzt entspannt auf der Treppe vor der Bibliothek. Er trägt schwarze Röhrenjeans, schwarzes T-Shirt, die Ärmel hoch gekrempelt und weisse Socken in weissen Turnschuhen. Wir sehen uns zum ersten Mal, er begrüsst mich mit einer herzlichen Umarmung. Wir gehen die Treppe hoch zur Cafeteria im obersten Stock. Holz und Sichtbeton dominieren das Treppenhaus aus den 60er Jahren: "Ich brauche einen Ort, um zu arbeiten. Der Charme dieser Bibliothek gefällt mir irgendwie", sagt Florian.

"Du musst mich einladen, ich hab mein Portemonnaie im Spind eingeschlossen", sagt er und lacht. Wir setzen uns ans Fenster mit Ausblick über die Dächer von Basel, Florian trinkt einen Milchkaffee. Er lässt sich weder von seinem Handy, das mit dem Bildschirm nach oben auf dem Tisch liegt, noch von der Gruppe kichernder Studentinnen hinter uns ablenken. Kaum sitzen wir, schiebt er einen Flyer von einem Queer-Youth-Festival über den Tisch in meine Richtung. Eines seiner jetzigen Projekte. Wie koordiniert er die anderen – gefühlt tausend – Verpflichtungen: "Ich habe ein gutes Agenda Management", sagt er und fügt gleich an: "Was für ein dummer Ausdruck!"

Foto von David Zehnder

Foto von David Zehnder

Er wuchs "gutbürgerlich und sehr behütet" in der Aargauer Gemeinde Gebenstorf auf: "Es hatte einen Spielplatz im Quartier, alle waren nett und ich hatte keine Sekunde Existenzängste oder Sorgen", sagt er heute. Ihn mir als kleiner Junge vorzustellen, ist irgendwie schwierig. Vis-à-vis sitzt ein Mann, der genau zu wissen scheint, was er will. 2012 war das eine Zeitschrift für LGBT-Jugendliche. Es gab noch keine, also gründete er sie mit Freundinnen und Freunden kurzerhand selbst: das Milchbüechli. Ihr Sitzungsraum war damals ein Keller. Mittlerweile ist aus dem Milchbüechli die "Milchjugend" entstanden, eine schweizweite Organisation für lesbische, schwule, bi, trans und asexuelle Jugendliche. Die "Milchjugend" organisiert im Jahr 150 Veranstaltungen und gibt vier Mal jährlich das Magazin Milchbüechli heraus. Das Ziel der Jugendorganisation: Sichere und bunte Räume für LGBT-Jugendliche schaffen, wo sie sich selbst mit ihren Ideen verwirklichen können. Bei der Gründung war er 22 Jahre alt und stellte fest: "Ich habe als Teenie etwas verpasst, uns wurde etwas vorenthalten. Unser Leben wäre besser gewesen mit einer Organisation für jugendliche Queers". Der über den Tisch geschobene Flyer weist auf "lila.", das erste Kulturfestival der Schweiz hin, das sich an junge LGBT-Menschen wendet. Am Festival im aargauischen Wittnau treten nebst vielen Queer-Bands auch die Dragqueens Milky Diamond und Vicky Goldfinger auf. "Transmenschen haben uns gezeigt, was Geschlechtlichkeit heissen kann und was passiert, wenn man sich für diese Fragen öffnet, wie viel Freiheit man gewinnen kann. Vor fünf Jahren wussten wenige, was Transmenschen sind. Mir selbst fehlten Worte und Wissen. Das ist heute anders; zum Glück! Wir haben viel erreicht", sagt Florian nicht ohne Stolz. Zu Recht, noch vor wenigen Jahren hätte ich in diesem Artikel kaum Queer-Bands schreiben können, ohne den Begriff genauer zu erläutern.

Aber gerade heute Morgen habe er sich über ein Bulletin einer nationalen Fachstelle mit dem Thema "Sexualaufklärung Fokus LGBT" aufgeregt: "Zehn Seiten lang wird über Jugendliche geredet, keine Sekunde mit Jugendlichen. Das ist das Problem: LGBT-Jugendliche werden häufig pathologisiert. Fachstellen und Organisationen machen Kampagnen gegen Homophobie an Schulen. Aber niemand fragt LGBT-Schüler*innen danach, was sie interessiert oder was ihnen hilft. Es wird um sie herum gearbeitet. Weil man über ihre Köpfe hinweg konzipiert, ist auch das queere Leben in den letzten Jahren nicht unbedingt besser geworden", sprudelt es aus ihm heraus.

Florian Vock schaut mich durch seine dünne runde Drahtbrille an, die Haare auf den Seiten kurz geschoren, oben etwas länger. Auf seinem rechten inneren Oberarm blitzt ein Teil eines Tattoos hervor und zwischen seinen gepiercten Lippen eine Zahnlücke. Er spricht schnell und in seiner Wortwahl drückt der Politiker durch. Seit 2007 ist er Mitglied der SP und seit 2016 Präsident des Bezirks Baden. Ein SPler durch und durch? "Bei den Linken ist es ja Tradition, dass man die eigene Partei am dümmsten findet von allen. Aber für mich gibt es keine andere Partei."

Er hebt hervor, wie hoch der organisatorische Aufwand sei und basht: "Es ist weniger anstrengend, ausserparlamentarisch Club Mate zu trinken, am 1. Mai am Umzug mitzulaufen, als jede Woche mit den SP-Leuten zu diskutieren, Erfahrungen und Einstellungen hinterfragen zu lassen und gemeinsam geile Kampagnen zu machen." Wie geht er mit Kritik an seiner Partei um? "Wenn mir jemand erklären will, was die SP alles falsch macht, dann frage ich zuerst, ob die Person SP-Mitglied ist. Denn: Kritisieren ist nicht schwierig. Aber mitmachen, etwas anstossen und dabei die eigenen Erwartungen und Hoffnungen erfüllen, das ist nicht so einfach. Wer kritisiert, muss auch bereit sein, anzupacken." 

Im Mai 2017 wurde Florian zum Präsident des Aargauer Gewerkschaftsbundes (AGB) gewählt. Sein Vorgänger war mehr als doppelt so alt wie er. Wird er als 27-Jähriger ernst genommen? "Von den Leuten von der AGB schon, nach aussen muss ich mich beweisen". Mit aussen meint er auch die älteren Herren vom Gewerbeverband und der Verwaltung: "Die denken: Jetzt kommt da ein schwuler Student daher. Wäre ich eine Frau, wär's wohl noch schlimmer". Lacht er, aber meint es bitterernst. Und der Druck, sich zu beweisen? "Ich bin nicht schlecht. Und sonst scheitere ich und suche eine Nachfolge, die besser ist als ich." 

Bleibt bei all dem Engagement auch Zeit, Freundschaften zu pflegen? Hat er Freunde? "Klar, habe ich, aber nicht viele. Ich gehe viel zu viel in den Ausgang – nein, das ist kokettierend – besser: ich gehe gerne aus, immer mit den gleichen paar Nasen" Und Freizeit? "Ich habe keine Hobbys. Sport mache ich auch nicht." Aber wann relaxt er? Wandern? "Wanderferien sind eine grauenhafte Vorstellung. " Strandferien? "Eine Woche mit mir am Strand muss unaushaltbar sein, keiner meiner Freunde schlägt mir das vor." Meditation? "Ich muss mich nicht entspannen. Da bin ich ganz Marxist: Der Mensch wird in der Tätigkeit zum Mensch und nicht im Meditieren." Vor zwei Jahren machte er eine Woche Ferien in einem Haus in Skandinavien, den ganzen Tag Brettspiele spielen und viel trinken. Das war für ihn Entspannung genug. Lieber macht er Städtetrips: "Mein ökologischer Fussabdruck ist eine Katastrophe."

Linke, Akademiker und LGBT-Aktivisten – bewegt sich Florian Vock nicht in einer Blase? "Ich sehe die Dramatik dieser Bubble-Debatte nicht. Ich mag meine Leute. Warum sollte ich Freund*innen haben, die mich doof finden?", enerviert er sich. Als Präsident des AGB treffe er Menschen aus ganz anderen sozialen Welten. Und genauso durchlässig sei die LGBT-Community was Berufe, Alter oder Herkunft betreffe. "Ich liebe das. Denn in diesen Zusammenhängen begegnen sich sehr unterschiedliche Menschen. Wenn das eine Bubble sein soll, dann lebt es sich zumindest sehr gut darin", sagt Florian.

Als Aussenstehende sieht es aus, als ob Florians Leben perfekt verläuft, aber: "Es ist anstrengend, überall positive Energie reinzustecken und der Zermürbung entgegenzuwirken." Denkst du nie, ich mag nicht mehr? "Ganz ehrlich: Doch, manchmal schon, wenns an einem Ort schlecht läuft, ist es OK, aber wenn es an dreien nicht läuft, dann wird es anstrengend." Sein grösster "Chrampf" sei momentan der Uniabschluss, bis Ende Juli muss seine Masterarbeit fertig sein: "Ich glaube daran - inschallah", und tätschelt liebevoll seinen Laptop. Der Milchkaffee ist ausgetrunken, Florian rollt die Tasse auf dem Tisch hin und her. Die einzige nervöse Handlung während unserem Treffen. Wir gehen die Treppe nach unten und verabschieden uns vor der Bibliothek – draussen ist strahlendes Sommerwetter. "So, jetzt gehe ich wieder zurück in die Höhle", sagt er – und selbst das wirkt noch motiviert.