Rede an der Pride in Zürich

Manuskript der Rede vom 16. Juni 2018 zum Beginn der Demonstration der Pride in Zürich. Fotos von David Rosenthal. Hier geht's zum Live-Video.

 

Liebe Frauen und Männer, liebe dazwischen und ausserhalb; liebe Tucken und Tunten, Butches, Twinks und Bären; liebe Queers, Buchstabenmenschen und Schneeflöckchen

Wenn ich euch sehe, weiss ich: Ihr seid, wer ihr seid. Ihr lasst euch nicht verbiegen. Wir lassen uns nicht vorschreiben, wer wir zu sein haben. Wir wollen gleiche Rechte in dieser Gesellschaft. Aber genau gleich sein wie alle anderen, das wollen wir nicht. Anders sein: Das ist unser Privileg.

Und dafür müssen wir ganz schön viel Ungerechtigkeit ertragen: Ich will nicht einmal heiraten, und trotzdem gibt es ein Gesetz, das es mir verbietet. Gleichzeitig sagen die vielen Herren und wenigen Damen der rechten Parteien mir dann, ein Gesetz, das mich vor Diskriminierung schützt, sei überflüssig und kompliziert?

Spinnt es diesen rechten Politiker_innen eigentlich, uns mit ihrer Moralkeule vorschreiben zu wollen, wie wir zu leben haben? Uns was läuft mit dieser Gesellschaft falsch, dass wir sogar Gesetze brauchen, die uns schützen?

Freundinnen bis Freunde!

Wir müssen die Veränderungen selbst voranbringen. Dafür haben wir viele Jahre gekämpft. Viele von euch haben Jahrzehnte gekämpft. Wunderbar mutige Menschen. Wir dürfen heute hier stehen, in einer unglaublich stolzen, helden- und heldinnenhaften Tradition:

Am 24. Juni vor 40 Jahren, 1978, fand hier in Zürich der erste Christopher Street Day der Schweiz statt. «Zusammen ist es einfacher. Man wird mutiger», hiess es damals. Es wurden Unterschriften gesammelt zur Abschaffung des Homoregisters der Stadt Zürich. Homo-Register: Darin wurden Homosexuelle von der Polizei erfasst – weil sie eben anders waren. Sie wurden bei Familien und Arbeitgebern geoutet.

Das Homo-Register der Polizei wurde ein Jahr später abgeschafft – dank der ersten Pride. Wir stehen heute auch hier für alle, die den Mut hatten, für ihre Rechte hier in Zürich auf die Strasse zu gehen. Sie hatten nichts. Sie wagten alles. Ihre Schultern tragen uns bis heute. Lasst uns das nie vergessen!

Ihren Widerstand tragen wir auch heute wieder auf die Strasse. Ihre Geschichte, unsere Geschichte ist gleichzeitig unsere grösste Verpflichtung.

Wenn lesbische Frauen und schwule Männer heute – zum Glück – an der Seite von Transfrauen demonstrieren, dann ist es unsere Pflicht, mit dieser Vielfalt verantwortungsvoll umzugehen.

Was heisst es für uns: Wenn eine arbeitslose Lesbe das Zugbillet für heute nicht zahlen konnte? Wenn sich ein junger Transmann den Eintritt für die offiziellen Partys nicht leisten kann?

Unsere Community lebt von den Orten, an denen wir zusammen kommen, uns stärken und tanzend Revolutionen planen. Diese Orte dürfen niemanden ausschliessen. Wir brauchen mehr kommerzfreie und offene Räume für unsere Community!

Was heisst es, wenn junge Schwule die alten Schwulen im Club abschätzig anschauen und alte Schwule junge Schwule ebenso abschätzig belächeln?

Hören wir auf damit! Wir dürfen nicht reproduzieren, wozu uns diese Gesellschaft drängt: Wir sind manchmal einsam, weil eine Gesellschaft einsam macht, die nichts anderes versteht als bürgerliche Kleinfamilien. Und manchmal sind wir einsam, weil wir als Community mit unseren eigenen abschätzigen Blicken andere Menschen einsam machen.

Was heisst es für uns, wenn heute so viele Angestellte mit den Logos ihrer Firma mitlaufen, wie noch nie?

Dass ihr erfolgreich Netzwerke geschaffen habt, dort, wo LGBT-Menschen viel Zeit ihres Lebens verbringen: Am Arbeitsplatz. Ihr habt eure Firmen dazu gebracht, dass ihr das Firmenlogo mit herumtragen dürft. Das ist ein Erfolg. Ich danke euch für euer Engagement!

Ihr seid jetzt in einer starken Position angekommen. Ich rufe euch auf: Verlangt mehr als das. Lasst euch nicht missbrauchen für Pink Washing.

Menschenrechte sind nicht nur universell, weil sie für Heteros genau so gelten wie für LGBT. Sie sind auch universell, weil sie global sind.

Gebt euch nicht damit zufrieden, dass es euch an eurem Arbeitsplatz bei UBS und Credit Suisse besser geht. Sorgt für die globalen Rechte von LGBT-Menschen. Wehrt euch gegen bedingungslose Investments in Saudi-Arabien, Russland oder Quatar! Dort verrecken Menschen, die genau so sind wie wir, weil sie so sind wie wir, wegen Herrschenden, die ihr Geld bei uns parkieren.

Gebt euch nicht zufrieden, ihr schwulen, glücklichen Männer mit dem anständigen Einkommen. 20% aller Transmenschen sind arbeitslos! Jeder zweite Transmann, jede zweite Transfrau verliert ihren Job nach dem Outing.

Stellt Transmenschen in eurer Firma ein! Stellt Schwule mit einer Behinderung ein! Lasst euch nicht zum Bannerträger eurer Firmenlogos degradieren, sondern nutzt die Chance. So wie heute Transmenschen für meine Rechte demonstrieren, so setze ich mich für eure Rechte am Arbeitsplatz ein. 

Denn was heisst es, wenn wir es schaffen, zusammen zu stehen?

Dass die Freiheit winkt! Dass wir sein können, wer wir sind. Ich stehe heute zu mir: in meiner ganzen Schwulheit, mit meiner ganzen Queerness. Ich stelle mich heute hier hin, vor euch allen, und ich weiss: Ich stehe zu mir, weil ihr zu mir steht! Ich rufe dich auf: Steh zu dir. Ich stehe zu dir!

Liebste Mit-Schwuppen, ihr drümmligen Zauberwesen! Vergesst niemals: Die Heteros sind doch neidisch auf uns!

Wir haben verrückten Sex in Club-Toiletten oder Ehebetten; manche von uns haben keinen Sex und sind ebenso glücklich. Wir haben nicht nur ein oder zwei langweilige Geschlechter; wir haben die kompliziertesten Liebesleben mit den grössten Dramen und wir haben Identitäten, die jeden gesetzlichen Rahmen sprengen, wir haben die besten Partys und die lautesten Demos, wir haben Träume und Hoffnungen für unser Leben, unsere Liebe. Wir fallen aus der Form, weil Formen was für Kuchen oder den Sandkasten sind, aber nicht für Menschen!

Ja: Der erste Christopher Street Day 1978 war keine Party – es war politischer Widerstand. Es war der Widerstand gegen eine repressive Polizei. Es war der Widerstand gegen diskriminierende Gesetze. Es war der Widerstand gegen homophobe Politik.

Aber noch viel mehr: Der erste Christopher Street Day 1978 war ein revolutionäres Versprechen. Wir haben dieser Gesellschaft ein Versprechen abgegeben. Ein Versprechen, das das grösste Geschenk ist für diese heterosexuelle, patriarchale, rassistische, kapitalistische, bünzlige Gesellschaft.

Wir haben dieser Welt ein Geschenk: Die Freiheit durch Selbstbestimmung! Die Befreiung durch Solidarität! Heute erinnern wir uns daran, was unsere stärkste Waffe ist – die grösste Kraft, die unsere Community je entfaltet hat, ist die Vielfalt der Liebe, und die Liebe für diese Vielfalt.

Kämpfen wir gemeinsam, damit dieses Versprechen Realität wird, für uns alle. Wir stehen heute gemeinsam dafür hin. Lautstark.

Lasst uns dabei Freundinnen und Freunde sein. Lasst uns Community sein. Das heisst Engagement. Das heisst Zärtlichkeit und Zuneigung. Das heisst Solidarität. Das ist Liebe, die jeden Hass überwindet.