"Wir sind alle da und wir sind bereit, zu beginnen."

Tag der Arbeit

Rede vom 1. Mai 2019 in Aarau

Heute feiern wir die Liebe.

Wir feiern nicht den Sieg, wir feiern keinen Triumph, und wir haben keine Schlacht gewonnen, weil wir keine Kriege führen.

Wir feiern heute die Liebe.

Wisst ihr, der Kapitalismus hat ja auch einen Tag der Liebe, im Februar, den Valentinstag. Aber die paar geschmacklosen Pralinen und roten Rosen haben ja bekanntlich wenig mit Liebe zu tun.

Wir feiern heute eine andere Liebe. Die Liebe, die sich nach Freiheit sehnt und Solidarität meint:

Wir feiern die Hoffnung auf Menschlichkeit.

Gerade heute, am Tag der Arbeit. Dem einzigen Feiertag, der auf der ganzen Welt, in allen Kulturen und Gesellschaften zum gleichen Zwecke begangen wird -aus der Liebe zu den Menschen.

Keine Sorge, der Gewerkschaftspräsident ist nicht esoterisch geworden, weil er am 1. Mai von Liebe redet. Denn wir sind zwar alle Gutmenschen, zum Glück. Aber wir sind zweifellos nicht naiv. Wir sind radikale Kämpferinnen und Kämpfer. Denn überall dort, wo der Respekt vor dem Menschen verloren geht und überall dort, wo die Menschlichkeit dem Profit, der Gier und dem Hass, der Nation und Rasse geopfert werden soll, stehen wir auf, stehen hin und sagen Nein.

Wir linken Gutmenschen kämpfen überall dort, wo die Gewalt der Mächtigen mit gewaltiger Macht über die Menschen rollt. Wir sagen Nein, Stopp, Fertigschluss; es ist unsere radikalste Tat, weil es die Herrschenden und Mächtigen aus ihrer wohl organisierten Ordnung wirft.

  • Die Gewalt des Geldes bringt Manager dazu, sich selbst und ihre Angestellten wie billige Ware zu behandeln. Wir aber wollen gesunde Menschen und sagen Nein zur Ausbeutung am Arbeitsplatz.

  • Die Rassengewalt bringt schwarze Menschen in der Schweiz dazu, aus Angst die Strassenseite zu wechseln, wenn sie Polizisten sehen. Wir aber wollen freie Menschen und sagen Nein zum Rassismus.

  • Die Gewalt der Geschlechternormen bringt den Frauen tiefere Löhne und den Männern weniger Familienzeit. Wir aber wollen gleiche Menschen und sagen Nein zum Sexismus.

  • Die Klassengewalt bringt Arbeiterinnen und Arbeiter dazu, nach unten zu treten statt nach oben zu fordern. Wir aber wollen keine Klassen mehr und sagen Nein zum Kapitalismus.

Ich könnte noch minutenlang weitermachen. Denn wir linken Gutmenschen kämpfen gegen alle Formen der Gewalt. Links zu sein bedeutet die Bekämpfung von Gewalt.

Klar, wir alle führen unsere Kämpfe an unterschiedlichen Orten:

Die Schweizer Gewerkschaften bringen gerade die neoliberalen Kräfte in der EU ins Wanken, weil sie mit Unterstützung der europäischen Linken das Prinzip «Gleiche Löhne für gleiche Arbeit am gleichen Ort» verteidigen.

Die Klima-Jugend schreckt die FDP dermassen auf, dass sie sich plötzlich für die Meinung ihrer behaupteten Mitglieder interessieren und nicht mehr nur CEOs befragen an ihrem Champagner-Apéro.

Die linken Wahlsiege machen die SVP so nervös, dass sie rundherum ihr Personal verheizen und den alten Antidemokraten aus seiner Villa hervorkramen, damit er ihnen mit seinen Milliarden den Wahlsieg kauft.

Ihr merkt es schon: Wir sind gerade recht erfolgreich. Die Menschen an der Macht haben wieder Angst. Weil sie wissen, dass ihr ungerechtfertigter Vorteil in Frage gestellt wird, ihre Privilegien nicht mehr als Natürlichkeit, sondern als Missbrauch gelten.

Doch diese Angst alleine verändert nichts. Wir sind nur dann stark, wenn wir diese Kämpfe verbinden. Wir haben dann Erfolg, wenn wir die unterschiedlichen Bewegungen zusammenbringen.

Häufig werde ich gefragt, wie das zusammengeht, schwuler Aktivist und Präsident des Aargauischen Gewerkschaftsbundes. Wer das fragt, hat eine technische Vorstellung von Politik. Politik machen aber heisst, das ganze Leben zu gestalten.

Was bringt es mir, nicht diskriminiert zu werden wegen meiner sexuellen Orientierung, wenn ich nicht einmal genug Geld verdiene, um mir am Ende des Monats noch Essen zu kaufen? Aber was bringt es mir, der reichste Mann der Welt zu werden, wenn gesellschaftlicher Hass meine Liebe verbietet?

Nein, ohne das eine macht das andere keinen Sinn. Denn auch in unserem Leben hängt es zusammen. Freiheit, Gerechtigkeit. Friede, Demokratie und Rechtsstaat. Bildung, Gesundheit und Wohlfahrt. Nur zusammen schaffen wir das gute Leben.

Darum sind auch unsere Emanzipationskämpfe untrennbar verbunden -egal, wie verschieden wir sind. Wir leben die Solidarität zwischen den Schicksalen, zwischen unseren Lebensrealitäten.

Gewerkschaftsmänner, kämpft für lesbische Frauen! Millenials, kämpft für die AHV-Renten eurer Grossmütter! Arbeitslose, demonstriert mit den Bauarbeiterinnen! Schwule Aktivisten, sorgt euch um die alleinerziehenden Mütter! Und Lehrerinnen, die Asylsuchenden brauchen eure Unterstützung! Anarchisten, geht doch wenigstens einmal wählen und Stadträtinnen, baut ein autonomes Jugendzentrum!

Verbünden wir uns solidarisch in unseren Kämpfen. Wir sind alle da und wir sind bereit, zu beginnen.

Beginnen wir mit dem beeindruckendsten Frauenstreik, den die europäische Geschichte je geschrieben hat. Oder beginnen wir mit dem grössten Wahlsieg, den die Schweizer Linke je erlebt hat. Beginnen wir mit der kraftvollsten Revolution der umweltbewegten Jugend, die diese Welt je gesehen hat.

Folgen wir der Hoffnung und lassen uns von unserem eigenen Mut überraschen. Unsere Gesellschaft ist im Begriff, sich tiefgreifend zu verändern; die Zeiten sind rau, aber unsere Hände werden es beim Anpacken auch.

Wir können jetzt heute damit beginnen, die Liebe zu feiern. Die Solidarität ruft; und die Freiheit winkt.